Vorerst möchte ich Ihnen allen herzlich danken, die jedes Jahr so treu den Kirchenbeitrag leisten und damit die Kirchengemeinschaft ganz nachhaltig unterstützen!
Wie ist es Ihnen ergangen, als Sie die hohen Austrittszahlen aus der Katholischen Kirche 2004 zum wiederholten Mal im Radio oder den Medien vernommen haben? Mir jedenfalls hat es gehörig weh getan und zu denken gegeben, besonders auch weil in unseren Pfarrgemeinden (vor allem in Feistritz/Feffernitz) die Austritte bei weitem die Anzahl der neu getauften Kinder überschreiten! Wenn ich dann noch sehe, dass unsere Pfarrgemeinden im letzten Jahr über 30 Menschen durch den Tod verloren haben, dann lässt sich errechnen, wie lange wir noch als katholisch bzw. christlich zu bezeichnen sind.
Eine Anfrage an uns als Kirche
Jeder Kirchenaustritt ist für mich - und auch für die ganze Glaubensgemeinschaft der Kirche - eine Anfrage: Wie vermitteln wir den Glauben, den wir selbst als Schatz unseres Lebens erkannt haben? Ist unser Engagement so wenig sichtbar, wenn wir uns in der Kirche für Benachteiligte und am Rand Stehende besonders einzusetzen versuchen? Wird die Erhaltung der Kulturgüter und der Kirchengebäude als Orte der Gottesbegegnung nicht mehr als Wert erkannt? Sind Sakramente und gemeinsame Glaubensvollzüge hinfällig geworden? Gewiss, Skandale wie im letzten Jahr in St. Pölten sind auf das Schärfste zu kritisieren und schaden der Kirche großflächig. Ich bin der Meinung, dass Fehler überall passieren können, aber besonders bei so gravierenden Fehltritten muss die Kirche sofort reagieren - noch härter und schneller als jedes weltliche Gericht! Wie können wir sonst noch im Namen Jesu sprechen?
Mut zur Unterscheidung der Geister
Auf diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, die “Geister” zu unterscheiden. Obwohl ich in eine konkrete Familie hineingeboren bin, würde ich es auch für unfair halten, wenn ich geschlagen werde für Fehler, die andere Familienmitglieder machen. Gleich aus dieser Familie “auszutreten”, wäre ebenso nicht sinnvoll, weil ich doch Teil dieser Familie bin und immer bleibe (gleich wie ich durch die Taufe immer ein Kind Gottes und Teil der Kirche bleibe). Statt “austreten” würde ich “auftreten” gegen solche Fehler und versuchen, dass durch gemeinsame Wiedergutmachung das Bild der Familie wieder ins rechte Licht gerückt wird. Leider sehen oder vermitteln wir die Zusammengehörigkeit in der Kirche so selten mit dem Bild einer Familie, die durch Jesus Christus verbunden und zusammengehalten wird. Doch Paulus sagt z.B. ganz deutlich: “Wenn ein Glied am Leib Christi (=Kirche) leidet, leiden alle Glieder mit, wenn eines geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm” (1 Korinther 12,26).
Was bringt mir die Kirche und der Kirchenbeitrag und was leistet er wirklich?
Wenn die Kirche nicht mehr als Glaubensfamilie erlebt wird und auch die Sakramente (vor allem die Eucharistie am Sonntag) nicht mehr als Quellen für die Seele wahrgenommen werden, dann stellt sich für viele die Frage: “Was bringt mir die Kirche und der Kirchenbeitrag? - Ich trete aus und erspare mir Geld!” Genau das tut mir als Pfarrer sehr leid! Ich möchte aber auch kritisch anmerken: Der Staat bezeichnet als “Einsparung”, wenn Subventionen für kirchliche Krankenhäuser, Altenheime oder Kindergärten gekürzt werden und diese dann zum Aufgeben gezwungen sind. Im gleichen Zug werden dann Einrichtungen von Staat, Land bzw. Gemeinden notwendig, die ca. das Zehnfache eines kirchlichen Betriebs kosten! Gerade dies unterstützen Sie aber durch den Kirchenbeitrag: Durch die Caritas wird den Ärmsten in unserem Land geholfen, in den Pfarren gibt es gratis Angebote für Kinder, Jugend, Erwachsene, Senioren, ganz abgesehen von den geistlichen Quellen (Gebet bei Todesfällen u.a., Gottesdienste, Orte der Stille, der Einkehr, Ordensgemeinschaften, die für alle beten usw.). Das alles ist möglich durch Ihren Kirchenbeitrag (Gehalt für Priester und Hauptamtliche, Budget für Kirchengebäude ...) und Tausende ehrenamtliche HelferInnen in den Pfarren.
Folgen für die Menschen in unserem Land
Das heißt im Klartext: Durch den sinkenden Kirchenbeitrag kann dieses soziale und geistliche Netz nicht aufrecht erhalten werden! Dadurch wird unser Land un-christlich (schon jetzt sind Menschen “ohne religiöses Bekenntnis” die zweitstärkste “Glaubensrichtung”) und es ist eine Frage der Zeit, wie lange der Religionsunterricht, die Sonntage und Feiertage noch aufrecht erhalten werden sollen. Dabei machen die 10 zusätzlichen kirchlichen Feiertage (von 1. Jänner bis 8. Dezember) in Summe weit mehr aus als jeder Kirchenbeitrag, denn alle Arbeitnehmer bekommen für diese freien Tage bezahlt oder wenn sie arbeiten müssen eine Zulage! Das bedenkt niemand, wenn er aus der Kirche austritt, wenn aber viele austreten, muss die Regierung darauf reagieren und die Feiertage bzw. den Religionsunterricht abschaffen! Darüber hinaus ist die Folge eines Kirchenaustritts: Exkommunikation (Ausschluss aus der kirchlichen Heilsgemeinschaft, die das Leben Jesu Christi durch den Heiligen Geist weitergibt), Ausschluss von allen Sakramenten, Verlust der Tauf- und Firmpatenschaft (ich kann nicht andere begleiten in einen Glauben, den ich selbst öffentlich ablehne), Verlust des PGR-Wahlrechts und des Anspruchs auf ein kirchliches Begräbnis (weil ein Priester niemanden im Nachhinein zwangsmäßig “bekehren” darf). Bei diesen Fragen werden wir als Priester oft noch einmal aufs Schärfste kritisiert, wenn wir eben den Kirchenaustritt als freie Entscheidung eines mündigen Christen respektieren und respektieren müssen! Auch das tut mir persönlich besonders leid.
Ausblick der Hoffnung
Trotz dieser negativen Entwicklungen habe ich die Hoffnung, dass Menschen wieder kritischer werden und ihren Intellekt einsetzen. Dass sie nicht ungefragt von verschiedensten Institutionen geschröpft werden und dann als erstes der Kirchenbeitrag dran glauben muss, obwohl durch ihn sehr viel Gutes geschieht. Ich bitte Sie deshalb: Falls sie hören, dass jemand aus der Kirche austreten will, fragen Sie zuvor, ob nicht ein Gespräch mit dem Pfarrer möglich ist; viele Missverständnisse oder Fragen der Erhöhung und Berechnung des Kirchenbeitrags sind dadurch auszuräumen; der Wiedereintritt (der über die Pfarre erfolgt und einfach zu erledigen ist) braucht oft viel mehr Motivation als eine vorhergehende Klärung oder Hilfestellung! Darüber hinaus gibt es alle möglichen Absetzbeträge für Kinder, Krankheit, Wohnraumschaffung, Studien, Arbeitslosenzeiten und Alleinverdiener; das wichtigste dabei ist: Nehmen sie Kontakt zu Ihrer Kirchenbeitragsstelle oder auch zum Pfarramt auf, denn die Kirche ist auf Ihre Unterlagen angewiesen und hat keinen Einblick in Ihre Verdienstverhältnisse! Auch eine teilweise Zweckwidmung Ihres Kirchenbeitrags ist möglich! Machen Sie davon Gebrauch! Treten Sie auf in unserer Kirche und treten Sie nicht aus! Noch wichtiger als das Geld ist aber: Schöpfen wir gemeinsam aus den Quellen des Lebens, die unsere Kirche - durch die Kraft Jesu Christi - allezeit anbietet. Lassen wir es nicht zu, dass unsere junge Generation ohne Glauben und Sinnhorizont aufwachsen muss. Überlassen wir unser (noch) christliches Land nicht irgendwelchen anderen Kräften, die vielleicht viel von unseren Werten und unserer Kultur und damit unsere Seele zerstören!
Ich lade Sie ein, die Fasten- und Osterzeit als Geschenk an unsere Christenheit mitzufeiern, denn es ist wohl unüberbietbar, dass Christus sich für unser Leben gegeben hat. Seine Auferstehung macht uns in der Taufe zu Kindern Gottes, zum Leib Christi, zu SEINER KIRCHE, die genau so lebendig ist wie jede/r einzelne von uns! Mit den besten Glück- und Segenswünschen für das kommende Osterfest
Ihr Pfarrer Michael Kopp
Heute noch gibt die Kirche mir Jesus. Das sagt alles. Was wüsste ich denn von ihm, welche Bindung bestände zwischen ihm und mir ohne die Kirche? Wissen diejenigen, die Jesus noch annehmen, obwohl sie die Kirche leugnen, dass sie ihn letztlich ihr verdanken? Jesus ist für uns lebendig. Doch unter welchem Flugsand wäre, zwar nicht sein Name und Andenken, so doch sein lebendiger Einfluss, die Wirkung seines Evangeliums und der Glaube an seine göttliche Person begraben ohne die sichtbare Kontinuität der Kirche? Hätte nicht die erste Christengemeinde in der Ergriffenheit ihres Glaubens und ihrer Liebe Raum geschaffen, worin der Geist, der die Evangelisten erweckte, weht und wirkt; hätte diese Gemeinschaft sich nicht von Generation zu Generation wesenhaft gleich erhalten und die Verehrung des Herrn weitergereicht; wären nicht immer, wenn es notwendig war, Männer der Kirche aufgestanden: große Lehrer, unerschrockene Führer oder demütige Zeugen, um den Wortlaut des Dogmas in seiner ganzen Kraft und seinem vollen implizierten Gehalt unverändert zu erhalten; hätten nicht die großen Konzilien für immer die Grundsätze der Rechtgläubigkeit in der Christologie festgelegt...: was wäre dann Christus heute für uns? Ohne die Kirche müsste Christus sich verflüchtigen, zerbröckeln, erlöschen. Und was wäre die Menschheit, hätte man ihr Christus genommen?
Henri de Lubac